Home Nach oben

Eine Geschichte aus Berlin

Lauta kleene Wischmopse

 

Mitarbeiterbesprechung. Die wichtigsten Fragen sind abgehakt, der lauwarme Kaffeerest aus der silbernen Kanne auf die Becher verteilt. Wortgeplänkel. Man will noch nicht aufstehen. Da kommt, beiläufig, die Frage: Wie bist du eigentlich zu diesem Beruf gekommen?

Ja, wie?

Als ich ein Kind war im Berlin der fünfziger Jahre war die Stadt für uns noch ein großer Abenteuerspielplatz. Ruinengrundstücke mit verwilderten Gärten und kaum bewohnte Straßenzüge lockten zu unerschöpflichen Entdeckungsreisen, begrenzt nur durch den Radius, den die eigenen Füße an einem Tag zu erreichen imstande waren.  Nur wenigen, es waren die Könige unter uns, war es vergönnt diese Grenze, wie ich damals glaubte, ins Grenzenlose zu erweitern: Die stolzen Besitzer eines Fahrrades. Ich hatte kein Fahrrad.

Nein, wartet, so ganz stimmte das nicht. Ich fühlte mich schon als Besitzer eines Fahrrades, konnte es aber nicht beliebig nutzen, weil es in einem Drahtverhau an unserer Straßenecke eingeschlossen war. Der Unterstand gehörte dem dicken Fahrradverleiher, aber das kleine rotbraune Kinderfahrrad gehörte eigentlich mir. Jeden Sonntag gab mein Vater dem Verleiher zwei Groschen, der gab mir dafür mein Fahrrad und der Nachmittagsspaziergang konnte beginnen.

Deshalb quittierte ich auch das Geschenk meiner verwunderten Eltern, die das gute Stück endlich erworben hatten, nur mit einem verständnisvollen Nicken, denn nun war zu mir gekommen, was mir insgeheim längst gehörte.

Von jetzt an war ich Entdecker, Forscher, Pfadfinder im Großstadtdschungel. So führte mich auch einmal meine Unternehmung in eine finstere Gegend am Rande eines Parks. Das bemerkte ich aber erst, als eine Horde Kinder meinem Tatendrang ein Ende setzte. Sie waren gar nicht freundlich und ihr Anführer tat sehr großsprecherisch. Kurzum, sie verlangten mein Fahrrad und als ich es nicht hergeben wollte, prügelten sie so lange auf mich ein, bis ich den krampfhaft umklammerten Lenker loslassen musste.

Ich heulte Rotz und Wasser. Erst wegen der schmerzenden Hiebe, dann überwog der Schmerz über den Verlust meines geliebten Fahrrades, schließlich kroch eine unsägliche Wut in mir hoch ob der Ohnmacht gegen die Übermacht des Bösen.

Ich sank auf eine Parkbank, den Blick getrübt durch Sturzbäche von Tränen.

- Nu biste jeplättet, wa?

Ein Gesicht beugte sich zu mir, mit einer Nase so rot wie die vom Onkel Pelle auf dem Rummelplatz. Ein Schwall von süßlichem Alkohol hüllte mich ein und nahm mir den Atem. Aber die wässrig blauen Augen blinzelten mir freundlich zu. Ich schluchzte.

- Dit wa ja ooch janich nett von die Brüder da. Ich schluchzte.

- Biste janz schön wütend, wa? Ich schluchzte.

- Wennste könntest, würdste druffhaun, wa? Ich ballte eine Faust und nickte.

 

- Nu hör ma uff zu flennen und spitz deine Lauscha.  Ick will dia wat verzählen. Kennst doch Hunde, wa? Dacht ick mia. Haste jerne, wa? Ick ooch. Also, so´n Köta, so´n richtjet Riesenviech, jing mal zu so´n Schloss. War´n besondres Schloss. Da war´n lauta so Schpiegel und wennma da rinjing. konntema allit erfahrn üba sich selba und die Welt. Aba so riesich wie det Viech war, hattet doch so´n richtjet Hasenherz inne Brust. Nu kommta int Schloss. Wat siehta? Richtich, inne Schpiegel siehta lauta Riesenköta. Krichta Angst. Fletscht die Beißerchen. Alle andan Hunde fletschen ooch die Beißerchen, schpitz wie Fleischamessa. Krichta noch mehr Angst. Machta sein Riesenmaul uff und kläfft wütend. Alle andan Hunde machen ooch ihr Riesenmaul uff und kläffn wütend. Krichta noch mehr Angst. Ziehtn Schwanz ein und rennt wech. Nu weeßa: Inne janze Welt jibt et nua wütende, zähnefletschende Riesenköta.

Da war aba ooch son kleena Hund. Weeßte, son Wischmop mit Schlappohrn und Ringelschwanz.  Der wollte ooch allet wissen üba sich und die Welt. Also jehta ooch int Schloss. Und, wat siehta? Jahawoll, lauta kleene Wischmopse. Freuta sich. Und alle andan Wischmopse freun sich ooch. Da jehta uff seine Hinterbeene und macht so mitte Pfoten. Die andan kleenen Hundchen jenauso. Kiek ma, da wackelta mit sein Ringelschwänzchen vor Freude und tänzelt aus dit Schloss. Nu weeßa: Inne janze Welt jibt et lauta freundliche kleene Hundchens, die uff ihre Hinterbeene tun tanzen.

Schön wa? Siehste, nu haste ooch zu flennen uffjehört.

 

Ich sprang auf. Mein Kummer und meine Wut waren verflogen. Und wie das kleine Hündchen tänzelte ich fort, nach Hause in die Geborgenheit meiner Kinderwelt.

 

Ja, und hier sitze ich nun als Sozialtherapeutin in einem Projekt für alkoholkranke Menschen. Ach, und wisst ihr was? Einen kleinen Hund habe ich auch. So´n Wischmop mit Schlappohren natürlich.

 

 

 

 

                                      Alle Rechte bei Rose Marie Herrmann 16. November 2004