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Der Elefant im Porzellanladen 

oder

Es ist nie zu spät

 

Manchmal sehe ich mich genötigt, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen und auf die schützende Hülle meines Privatwagens zu verzichten, die mich wie ein Faradayscher Käfig vor äußeren Einflüssen wie Schnupfenviren, Kindergeschrei und kuschelbedürftigen Zeitgenossen bewahrt.

Heute war so ein Tag. Wohl wissend, was mich erwarten würde, traf ich Vorkehrungen. Mein Blick schweifte prüfend über das Literaturangebot meiner wohlsortierten Bibliothek. Ich wählte ein nicht zu schweres Stück Poesie, das gerade für eine Fahrt zum Zielort und zurück reichen sollte.

Wie erwartet, begann der Ärger schon auf dem Bahnsteig. Zwei Teenager, der niedlichen Form eines anmutigen Kindes schon entwachsen, aber noch nicht der höflichen Konvention eines zurückhaltenden Erwachsenen fähig, drängten sich lautstark in meine Lust am Versmaß.

„Haste mal die Zeit?“

Auf so etwas gehe ich gar nicht ein. In mir aber formte sich der Wunsch, der unfähigen Kommunalpolitik durch ein entsprechendes Kreuz auf dem nächsten Wahlzettel ein Ende zu setzen, da ihre Vertreter offensichtlich nicht einmal in der Lage waren, genügend Parkraum vor der Tür meines Hausarztes zu schaffen.

In der Bahn wurde es, wie erwartet, nicht besser. Eine Gruppe kunstbeflissener Rentnerinnen diskutierte aufgeregt die bahnbrechende Äquilibristik in Malewitschs „Schwarzen Quadrat“. Diese Erwähnung eines Hauptwerkes des Suprematismus hätte einen Hauch von Interesse wecken können, aber kreischende Geräusche aus einem offensichtlich tauben Jungmädchenohr und der knoblauchgeschwängerte Odem eines sehr beleibten Orientalen waberten wie dunkle Nebelschwaden zwischen meinem Jambus und Anapäst.

Die Geräuschkulisse erhöhte sich noch durch zwei Zigeunerkinder - die ethnische Zuordnung fiel mir wegen der verschmierten Gesichter und lumpigen Kleidung nicht schwer – die wie wild ihre verstimmten Zieharmonikas auseinanderzogen und zusammenstauchten. Das rief einen großen Hund, der bisher meinen Blicken verborgen gewesen war, aus den Tiefen des Waggons auf den Plan. Ein offensichtlich absolutes Gehör veranlasste ihn in furchtbares Geheule auszubrechen. Ich empfand so etwas wie Mitgefühl für diese arme Kreatur. Doch als das Riesenvieh in der Enge des Ganges sich aufgeregt hin und her wand und dabei mit seinem Schwanz meine limitierte Edition streifte, wurde mir der Aufenthalt an diesem feindlichen Orte unerträglich.

Fluchtartig verließ ich die Unheilstätte.

Noch eine Station trennte mich von meinem Ziel, das ich dann aber doch unter Vermeidung weiterer menschlicher Kontakte wider Erwarten rasch erreichte.

Jetzt sitze ich hier im Wartezimmer und kann mich nicht vom Stuhle lösen. Der Gedichtband liegt wie ein Fremdkörper auf meinen Knien, gibt mir keinen Halt mehr. Alles ist in Auflösung. Ich sehe auf einen Scherbenhaufen. Durch meinen wohlsortierten Porzellanladen ist gerade eine Herde Elefanten getrampelt. Hat alles zerbrochen, was ich sorgsam in den Vitrinen meines Lebens hinter blank poliertem Glas konserviert hatte.

„Wir schließen gleich, gehen sie doch nach Hause.“

„Was? Ach so, ja, natürlich.“

Ich stehe auf.

„Ihr Buch!“

„Wie?“

„Ihr Buch! Vergessen sie nicht ihr Buch. Es liegt auf dem Boden.“ Die Sprechstundenhilfe bückt sich und hebt es auf, das Relikt aus meinem alten Leben. Werde ich ein neues haben?

„Ich schenke es ihnen.“

Gemeinsam gehen wir aus dem Haus.

„Noch ist nichts entschieden.“, sagt sie, „Der Befund ist nächste Woche da. Ich rufe sie dann gleich an.“

Wie freundlich sie mich ansieht. Ich drücke ihr einen dicken Kuss mitten ins erstaunte  Gesicht.

„Danke!“

Ich fühle mich besser.

Ich falle dem nächstbesten Passanten um den Hals.

„Danke!“

Manno, geht´s mir auf einmal gut. Ein weiterer Mensch, der mir auf dem Weg begegnet, weicht mir erschrocken aus und tippt sich an die Stirn. Ich stürme die Treppen zum U-Bahnhof hinab, freundlich nach allen Seiten winkend, und steige beflügelt in die rappelvolle Bahn.

„Guten Tag zusammen!“, rufe ich in den Waggon.

Murmeln, Blicke.

„Geht es ihnen gut?“, erkundige ich mich bei meinem nächsten Nachbarn.

Immerhin schenkt er mir ein unsicheres Lächeln.

„Entschuldigen Sie, oh, tut mir leid, Verzeihung bitte.“ Ich dränge mich zwischen den Menschen hindurch und spüre ihre Wärme. Ich singe ein Lied mit brüchiger Stimme. Ich bin etwas aus der Übung.

Da ruckt die U-Bahn. Ich stürze auf einen wogenden, weichen Busen.

„Mensch, pass doch uff. Benimm dir! Bist ja wie´n Elefant inn Porzellanladen!“

Ich sinke zurück in die weiche, ausladende Körperfülle, fühle mich wie im Paradies.

„Ich liebe Elefanten!“, rufe ich den Waggon, „Und wissen sie wo ich wohne?“

Niemand weiß es.

„Ich wohne in einem Porzellanladen! Und dahin entschwinde ich jetzt. Zum Aufräumen!“

Ich stürze hinaus in ein neues Leben, egal wie lange es mir noch beschieden sein wird.

Es ist nie zu spät.

 

Alle Rechte bei Rose Marie Herrmann

März 2005